"Rollenspiel (pi-r-Quadrat)" (1999)
Eine akustische Exploration
Nachdem ich in früheren Werken verschiedene Gegenstände ("Objektklangstudien", "Dingklang-Klangding"), den menschlichen Körper ("Klangkörper") sowie immer wie-der Orte ("Karlsruhe - Klangbilder einer Stadt", "Heidelberg, Du Feine") oder ganze Landschaften ("Wattenmeer-Suite", "Fluss durchs Ohr") musikalisch untersucht und porträtiert habe, wende ich mich in der vorliegenden Komposition einer abstrakten, sozusagen reinen, geometrischen Form zu.
"Rollenspiel" analysiert die sonare Struktur eines Kreises sowie unterschiedliche Facetten und Formen seiner Erscheinungsweise. Dabei expandiert der zweidimensio-nale Kreis zwangsläufig immer wieder kugelförmig in die dritte Dimension. Der Prozess der Erforschung selbst schließt durch die musikalische Darstellungsform von Anfang an die vierte Dimension, die Zeit, mit ein.
Um bei dieser prinzipiell abstrakten Aufgabenstellung bewußt Kontakt zur klingenden Wirklichkeit zu halten, habe ich für diese Untersuchung die Klänge einer fallenden oder rollenden Kugel in einer runden Holzschüssel verwendet.
Ausschließlich dieses Material war Ausgangspunkt und Inspirator der durch verschie-denste analoge und vor allem digitale Methoden im Computerstudio erzeugten, bear-beiteten und komponierten klanglichen Repräsentanz der strukturellen Idee.
Neben der expressiven Klanglichkeit des unvertraut Vertrauten hat mich aber auch das Experiment gereizt, die unverhofft erzählerischen Qualitäten in diesem per se abstrakten Material aufzudecken. Denn im "Alles fließt" der rollenden Kugel gab es Geschichten zu (er)finden und sogar Personen und ihr Rollenspiel zu analysieren. In der weiteren Arbeit, in der Auseinandersetzung mit diesem konkreten Klangmaterial bin ich mir zuweilen vorgekommen wie ein Regisseur, der versucht, mit zwar hochinteressanten, aber sehr eigenwilligen Schauspieler-Persönlichkeiten ein Thea-terstück oder einen Film zu realisieren.
Ich wollte also eine abstrakte Form untersuchen, habe diese durch konkretes Klang-material repräsentiert und fand - Personen und Geschichten. Denn Klänge sind Lebewesen. Sie werden geboren, verbringen eine gewisse Lebenszeit an bestimmten Orten und sterben dann. Manchmal formen sie höhere Organismen.
Dieses Stück ist am besten mit Kopfhörern zu hören. Für kleinere Räume ist eine Verklanglichung durch eine gute Dolby-Surround-Anlage und für größere bis große eine spatiale Interpretation durch ein interaktives Lautsprecher-Orchester mit minde-stens 8 einzeln ansprechbaren Lautsprecher-Gruppen gewünscht.
Rollenspiel wurde mit dem Karl-Sczuka-Förderpreis 1999 des Südwestrundfunks ausgezeichnet und als Selection Award in die "Sonic Circuit VII" Edition des American Composer Forum aufgenommen.